EBGS-Gedenkstättenfahrt nach Oswiecim (Auschwitz) und Krakau in Polen vom 29.5. bis 3.6.2006 organisiert von der Lehrerin Ursula Wiese, begleitet von dem Kollegen Alfred Brörmannund dem Schülervater Joachim Baumann in Zusammenarbeit mit Herrn Burkard Grahn vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk, Dortmund
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Eingang Stammlager Birkenau |
1. Vorbereitung Entstehung Animiert durch einen früheren privaten Besuch in Auschwitz, die Tagesfahrt nach Bergen-Belsen während der Projektwoche unserer 10. Klasse im Februar 2005 und den darauf folgenden Wunsch einiger Schülerinnen, auch nach Auschwitz zu fahren, nahm ich (U. Wiese) zunächst mit zwei Schülerinnen an der Gedenkstättenfahrt der Gesamtschule/ev. Kirche in Essen-Rellinghausen nach Oswiecim über Pfingsten 2005 teil. Per Umfrage erfuhr ich, dass ca. 30 unserer Oberstufenschüler/innen Interesse an einer solchen Fahrt hätten. Partnerorganisation Um Zuschüsse des Deutsch-Polnischen Jugendwerks zu erhalten, muss eine Schule diese Fahrt zusammen mit einer Organisation planen, die Jugendveranstaltungen anbietet, z.B. einer Kirche. Um die Fahrtkosten möglichst gering zu halten, trat ich zunächst in Verbindung mit der ev. Schülerarbeit Rheinland, mit der U. Wangerin eine frühere Gedenkstättenfahrt durchgeführt hatte. Ein erster Termin war vereinbart, um die Antragsformulare für den o.g. Zuschuss gemeinsam auszufüllen. Zu Beginn der Sommerferien 2005 telefonierte ich mit Herrn Burkhard Grahn vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) in Dortmund, vermittelt durch A. Brörmann, der seinerzeit diesen Partner in Anspruch genommen hatte, dafür jedoch eine Benefizveranstaltung organisiert hatte, um die Schüler bei den Fahrtkosten zu unterstützen. Mehrere Vorteile überzeugten mich schließlich, diese Organisation als Partner für die Fahrt zu engagieren. Erstens ist das IBB spezialisiert auf diese Fahrten und die Kenntnis der Fahrpläne, Preise, Reisebedingungen ist auf aktuellem Stand. Zweitens haben sie Partner vor Ort: mehrere Unterkunftsmöglichkeiten, polnische Gruppenbegleiter, Kontakte zu Leitern der Gruppenführungen und Kontakte zu Zeitzeugen. Drittens profitiert man von ihren wiederholten Erfahrungen was die Reihenfolge des Programms angeht. Konkret fühlte ich mich entlastet, weil Herr Grahn versicherte, dass wir Lehrer für die pädagogische Begleitung zuständig seien und uns nicht mit Antragsformularen, Unterkunftssuche und Fahrtreservierung befassen müssten.
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Hinrichtungsmauer im Stammlager |
Vorbereitungstreffen Insgesamt fanden im ersten Halbjahr 2005/06 drei organisatorische Vorbereitungstreffen in der Schule statt. Am letzten nahm Herr Grahn teil und verteilte die offiziellen Anmeldeformulare des IBB. Eine zusätzliche Gelegenheit zur Einstimmung auf die Fahrt bot die öffentliche Ausstellung „Juden in Polen“, die das IBB im Januar in unserer Aula veranstaltete. Dieses Angebot wurde von einigen Teilnehmer/innen und einigen Klassen unseres 10. Jahrgangs sowie zwei Klassen des Berufskollegs Wiesenstr. genutzt. Wie üblich, half ein hilfsbereiter Kern der Teilnehmer/innen beim Auf- und Abbau, sowie beim Kuchenverkauf mit, während andere sich nicht blicken ließen. Das letzte Treffen vor der Fahrt fand am Samstag 6. Mai im Karl-Leisner Haus statt. Hier lernten wir bereits unsere Reisebegleiterin, Agata Grzenia, kennen und bekamen Tipps zum Reisegepäck, Land, Leute, Währung und Sprache in Polen. Ein Dokumentarfilm mit Erinnerungen des Zeitzeugen Herrn Smolen auf dem Gelände des KZ Birkenau(= Auschwitz II) vermittelte uns einen ersten Eindruck von dem, was uns erwartete.
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Reiseleiterinnen 2. von links die deutsche Studentin Agata Grzenia und 2. von rechts die polnische Lehrerin Sylwia |
2. Ablauf Montag 29.5.06 Morgens um 5 Uhr sind alle am Duisburger Bahnhof. Wir haben uns für die Bahn als Verkehrsmittel entschieden: zugunsten der Umwelt und unserer Bewegungsfreiheit. Spannend ist der Umstieg im gerade eröffneten Berliner Hauptbahnhof. Danach wird die insgesamt 16-stündige Fahrt mit IC und Regionalbahn zur Geduldprobe. Allerdings trösten die kostenlosen Imbisse im polnischen IC. Um 21 Uhr im Zentrum für Dialog am Rande von Oswiecim angekommen, bekommen wir noch ein warmes Abendbrot. Die Mehrbettzimmer mit Nasszelle in dem frisch renovierten katholischen Haus entsprechen etwa einem Jugendgästehaus. Für die Reiseleiter/innen gibt es Einzelzimmer. Vom IBB haben wir ab jetzt noch eine polnische Lehrerin als zusätzliche Begleiterin vor Ort. Dienstag 30.5.06 Eine zehnminütige Busfahrt bringt uns ins Zentrum von Oswiecim. Dort besichtigen wir eine kleine Synagoge und sehen einen Film, in welchem jüdische Auswanderer in England und Amerika ihre Kindheitserinnerungen an ein friedliches jüdisch-christliches Miteinander in Oswiecim erzählen. Nachmittags kommt ein Kernstück dieser Fahrt: der dreistündige Gang durch das Stammlager, Auschwitz I, geführt von dem Mitarbeiter Herrn Lech. Unter der Inschrift „Arbeit macht frei“ werden wir über aufgeräumte Straßen in etliche rote Backsteingebäude geführt, die heute noch so solide in Reih und Glied stehen, wie bei ihrer ersten Verwendung als Kasernen, danach als Massenunterkünfte und Todeszellen. Wir sehen Dokumente und Bilder von Tätern und Opfern. Unsere Betroffenheit ist am dort am größten, wo die stummen Habseligkeiten der Opfer hinter Glasscheiben aufgehäuft sind: abgeschnittene Haare Unzähliger, ein Berg von Brillengestellen aus Metall, ein Haufen Prothesen, ein Raum voller Koffer, deutlich von den Eigentümern mit Namen und Adressen versehen, so viele Schuhe, auch Kinderstiefelchen…Diese persönlichen Gegenstände gehen mehr unter die Haut als die unfassbaren Zahlen. Abends ziehen die meisten Schüler/innen es vor, in ihren Zimmern zu bleiben, statt sich in der Gesprächsrunde im Kaminzimmer auszutauschen. Mittwoch 31.5.06 Vormittags besichtigen wir die Unterkunftsbaracken und die Ruinen der Gaskammern des Vernichtungslagers Birkenau. Wir betreten die alten Bahngleise, die durch das Tor mit dem Aufsichtsturm führen. Der Wind weht über das baumlose Gelände, für welches ein Dorf und das dazugehörige Ackerland geräumt wurde. Am kommenden Tag sollten wir einen der Zwangserbauer dieser Stacheldrahtzäune zu Gesicht bekommen. Wir schauen in den schwarzen Teich, in welchen die Asche der Ermordeten geworfen wurde. Den Nachmittag nutzen einige, um die Ausstellungsgebäude einzelner Nationen im „Muzeum Auschwitz“(= Stammlager) zu besuchen. Man kann es in zehn Minuten zu Fuß vom Zentrum für Dialog erreichen. Andere machen Einkäufe oder verdauen die Eindrücke auf ihren Zimmern. Den Abend beginnen wir gemeinsam im Kaminzimmer. Ein Begleiter fragt in die Runde, ob wir als Deutsche wohl anders hier reagieren als der Rest der Welt. Es kommen unterschiedliche Reaktionen von Scham- und Schuldgefühlen bis hin zu Empörung, dass man uns heute diese Gräueltaten nicht mehr anlasten könne. Ein italienischer Austauschschüler ist sicher, dass man von seiner Schule aus eine solche Fahrt nicht veranstaltet hätte. Ein Engländer äußert sich genau so betroffen wie wir. Die Unmenschlichkeit des Menschen, unabhängig von Nationalität. Donnerstag 1.6.06 Vor dem Frühstück bieten Joachim Baumann und ich eine Meditation in der Kapelle des Hauses an, mit Texten von Friedrich Schorlemmer untermalt von der Berliner Messe von Arvo Pärt. Eine handvoll Schüler/innen erscheint, wirkt mit. Nach dem Packen – heute soll es nach Krakau weiter gehen – wartet ein zweiter Höhepunkt dieser Fahrt auf uns. Der Zeitzeuge Herr Smolen, langjähriger Leiter des Muzeum Auschwitz, heute siebenundachtzig, spricht über eine Stunde auf Deutsch von seinen Erlebnissen. Er war politischer Häftling, im polnischen Widerstand und wurde nach anfänglicher Aufbauarbeit(s.o.) als 19-Jähriger wegen seiner Schreibmaschinenkenntnisse in die Schreibstube geholt. Dort musste er die Namen aller Neuzugänge und Abgänge aufschreiben. Er sorgte dafür, dass diese Informationen chiffriert nach draußen drangen. Herr Smolen betonte, dass eine starke Erinnerung, die man durch Bücher und Filme nicht vermitteln könne, der Gestank im Lager sei, verursacht durch mangelnde Hygienemöglichkeiten bei häufigen Durchfallerkrankungen. Trotz allem ist er noch humorvoll, z.B. wenn eine Schülerin ihn nach seinem Alter fragt und er kontert: „Soll das ein Heiratsantrag sein?“ Nach dem Mittagessen werden wir mit Gepäck von einem Bus abgeholt, der uns zunächst noch einmal nach Birkenau fährt, wo mehrere sich „verabschieden“ wollen. Einige hatten schon ihre persönlichen Zeichen des Gedenkens im Stammlager hinterlassen.
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Synagoge Kazimierz |
Krakau Nach etwa anderthalb Stunden treffen wir im „Sporthotel“ am Rande von Krakau ein. Hier ist die Unterbringung ähnlich, mit dem Unterschied, dass man gegen Zahlung die sportlichen Angebote, wie Schwimmbad oder Basketballhalle nutzen kann, falls gerade keine Vereine dort sind. Eine Besonderheit dieses Abends soll das Treffen mit polnischen Jugendlichen aus einer Privatschule in Kattowice sein. Die Schulgründerin und –leiterin, Marzena Sikorska, kommt selbst mit und erzählt mir von der integrativen Arbeit, persönlichem Kontakt und kleinen Schülergruppen an ihrem Lyceum. Währenddessen tanzen die Schüler zu den geschickt ausgesuchten Songs des DJs und unterhalten sich in der gemeinsamen Sprache Englisch. Es ist eine Rückkehr in die Gegenwart des gemeinsamen internationalen Lebendigseins. Freitag 2.6.06 Mit der Straßenbahn geht es zum Stadtrundgang in die Innenstadt. Allerdings beginnt hier die Schülerteilnahme zu bröckeln, nach der hundertprozentigen Teilnahme an allen Gängen in Oswiecim. Für manche sind Einkäufe und Cafés wichtiger als das Kulturhistorische Erbe dieser alten Universitätsstadt. Nach einem weitgehend vegetarischen Mittagessen in einer Salatbar in einem Kellerlokal werden wir in das ehemalige jüdische Viertel von Krakau, Kazimierz, geführt. Hier besichtigen wir ein Museum über jüdische Bräuche und uns wird das Café Ariel gezeigt, wo wir uns abends zum Essen und einem Klezmer Konzert wieder einfinden. Samstag 3.6.06 Um 7 Uhr ist Abfahrt zum Bahnhof – ob alle Schüler das nach ihrer durchfeierten Nacht schaffen? Ohne Verluste treten wir die Rückfahrt an. Rückkehr in Duisburg: 22:47 Uhr. Es war mehr als eine Gedenkstättenfahrt.
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Eingang Synagoge |
3. Finanzelles Die Fahrt kostete bei einer Teilnahme von 35 Personen 239,- Euro pro Person. Einige Schülerinnen sammelten aktiv Spenden und veranstalteten ein Punkkonzert im Jugendkeller der ev. Kirche, um sich die Fahrt leisten zu können. Wir bekamen von mehreren Geldinstituten in Dinslaken Spendenzusagen. Eine weitere Möglichkeit, auf die wir nicht zurückgreifen mussten, wäre die Unterstützung der Kirchen für die Teilnehmer gewesen, die Kirchenmitglieder sind. Die Spenden wurden nur als Zuschuss für die Schüler/innen benutzt; die drei Reisebegleiter der EBGS zahlten ihre Kosten selbst. In der Hoffnung, dass jemand die Tradition der Gedenkstättenfahrten mit EBGS-Schüler/innen weiterführt, Ursula Wiese, d. 31.8.2006 |
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Gedenktafel Museum Auschwitz |